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Titel:

Symposium Pflanzenschutz

Datum:

Mittwoch, 11. Juni 2014

Zeit:

9.00 bis 13.00 Uhr

Ort:

​Marxpalast
Maria-Jacobi Gasse 2,
1030 Wien

Pflanzenschutzexperten diskutierten Herausforderungen für den heimischen Markt

Landwirte müssen sich auf geänderte Bedingungen einstellen.
"Die wesentliche Aufgabe der Bauern ist es, den Tisch zu decken", betonte der Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich, Hermann Schultes. "In einem wettbewerbsfähigen Umfeld wollen die Bauern die hohen Qualitätsansprüche, die die Konsumenten zu Recht haben, erfüllen." Ziel sei es, dass die Landwirte Köstliches fair und sicher zu jeder Zeit anbieten können, was in der Arbeit mit der Natur nicht immer selbstverständlich sei. Die Bauern wollen das Richtige zur optimalen Zeit tun können, damit sich ihre Kulturen gut entwickeln. Dazu gehört ein zeitgemäßer Pflanzenschutz, der einerseits die Bestände in ihrer Widerstandsfähigkeit gegen die natürlichen Widersacher unterstützt, und andererseits eine kostengünstige Anwendung das Bestehen der heimischen landwirtschaftlichen Produktion im Wettbewerb am europäischen Binnenmarkt sichert. Rechtliche Veränderungen bei den Pflanzenschutzmitteln haben uns vor Augen geführt, dass das kleine Land Österreich ein schwieriger Markt für die chemische Industrie ist. Bei hohen Zulassungskosten für Präparate und sich ändernden Zulassungsbedingungen sinkt die Verfügbarkeit der Vielfalt an Hilfsmitteln, die die Bauern zur Vermeidung von Resistenzbildungen aber benötigen.  Für Spezialkulturen verlangte der LK-Präsident ausreichend und rechtzeitig verfügbare Präparate zu wettbewerbsfähigen Preisen.

Neubewertung von Glyphosat
Für den in der Öffentlichkeit viel diskutierten Pflanzenschutzmittel-Wirkstoff Glyphosat steht aktuell eine Neubewertung durch die EU an. Der weltweit seit Jahrzehnten in großen Mengen eingesetzte Inhaltsstoff wurde in der Union - nach einer erstmaligen gemeinschaftlichen Bewertung - im Jahr 2002 zugelassen. "Aus toxikologischer Sicht wird die Substanz als reiner Wirkstoff eher unbedenklich eingestuft", erklärte Lars Niemann, Toxikologe am deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung. Dennoch stehe diese Substanz am meisten in der öffentlichen Kritik. In einer Reevaluierung wurde geprüft, ob der Wirkstoff in der EU wieder genehmigt wird. 2015 musste die EU-Kommission auf Basis von Schlussfolgerungen der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) eine Entscheidung treffen. Zu diesem Zweck wurde von Deutschland als "Berichterstattender Mitgliedstaat" ein Bewertungsbericht erstellt, der 4.500 Seiten umfasst, von denen 1.000 Seiten die Toxikologie behandelt. Das hänge nicht damit zusammen, dass der Wirkstoff so problematisch ist, sondern dass viele Hersteller eine toxikologische Untersuchung gemacht haben.

Glyphosat meist untersuchter Wirkstoff
Wurden für die vorangegangene toxikologische Bewertung in den Jahren 1998 bis 2001 rund 280 Studien herangezogen, können davon noch 220 für die laufende Überprüfung nach heutigen akzeptablen Qualitätskriterien verwendet werden. 150 neuere Studien, die von den Herstellern eingereicht worden sind, fließen aber zusätzlich in die Erhebung mit ein. Zudem wurden rund 900 publizierte Arbeiten berücksichtigt. "Trotz dieser immensen Informationsfülle haben sich im Vergleich zur 2002 abgeschlossenen EU-Bewertung faktisch wenig neue Erkenntnisse ergeben", berichtete der Wissenschafter. "Es gibt eine Unmenge an Informationen zu dem Wirkstoff Glyphosat und ich wage zu behaupten, dass keine andere Substanz derart untersucht ist", so Niemann. Bestätigt habe sich, dass der Inhaltsstoff nicht kanzerogen oder mutagen und weder reproduktionstoxisch noch teratogen (fruchtschädigend) ist. Das die Substanz trotzdem einer Flut an Kritik ausgesetzt ist, verbindet der Experte mit der Anwendung im Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen und hier speziell in Südamerika. Zudem sei die Analytik schwierig, und eine Unterscheidung zwischen den Effekten des Wirkstoffs und der im Pflanzenschutzmittel enthaltenen Beistoffen, die viel toxischer seien als Glyphosat selbst, werde oft nicht gemacht. Eine separate Risikobewertung für derartige Beistoffe wird deshalb vorgeschlagen. Laut Niemann wurden die Grenzwerte für den Wirkstoff leicht modifiziert. Die Belastung für Konsumenten und Anwender liege aber deutlich darunter.

Europa muss sich den Herausforderungen stellen
Thomas Preuße, Chefredakteur der DLG-Mitteilungen Frankfurt, geht davon aus, dass die Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln in Europa in Zukunft abnehmen wird - auch wenn die Landwirte derzeit noch gut damit ausgestattet seien. Die Bauern müssten sich sukzessive in der Bewirtschaftung darauf einstellen. Dafür gebe es zwei Gründe: Erstens weil Europa in der vergangenen Zeit sehr hohe Zulassungsanforderungen bekommen hat und weiter fortsetzen wird, sodass der Standort für Investitionen der Firmen an Attraktivität verliert. So habe erst vor Kurzem Asien Europa als Markt für den Pflanzenschutz überholt. Zusammen mit Südamerika verzeichne es die größten Wachstumsraten. Der zweite Grund liege in der forschenden Industrie, wo Gentechnik und Saatgut an Bedeutung gewinnen und Konzerne zunehmend die Sorte auf den Wirkstoff entwickeln. Problematisch sei auch, dass die forschende Industrie aktuell keine neuen Wirkstoffe mehr speziell für Europa entwickle und stattdessen bereits bekannte Substanzen verbessert und neu kombiniert. Dennoch sei der Zug für Europa als derzeit weltweit drittgrößter Pflanzenschutzmittelmarkt noch nicht abgefahren. Für die Zukunft sieht Preuße nicht die "globale Einheitslösung", sondern differenzierte Strategien. So werde sich Europa wieder stärker auf ackerbauliche Lösungen konzentrieren, wo Präparate versagen oder nicht vorhanden sind. In Amerika stehe eine zweite Generation der Kombination von GVO-Saatgut und Pflanzenschutzmittel an, und Asien sowie Afrika werden zunächst die Entwicklungen der Industrieländer von vor 30 Jahren nachvollziehen, das heißt besonders giftige oder umweltschädliche Substanzen durch bessere, bekannte Wirkstoffe ersetzen.

Heimische Gemüseproduktion nicht gefährden
Norbert Friedrich, Geschäftsführer der Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse im Marchfeld, warnte vor einem Umfeld, das die Versorgungssicherheit mit regionalen Produkten aufgrund restriktiver Rahmenbedingungen für die Landwirte gefährdet. Rund 300 Landwirte produzieren für seine Organisation qualitätsvolles Gemüse, die mit dem natürlichen Spannungsfeld zwischen Witterungseinflüssen und Schadorganismen zurechtkommen müssen. "Es stellt sich die Frage, ob Österreich künftig im europäischen Wettbewerb bestehen kann, wenn weniger Präparate als in anderen Ländern zur Verfügung stehen", monierte Friedrich. Die geringe Anbaufläche von 2.500 ha, auf denen in Österreich Gemüse für Tiefkühlzwecke produziert wird, mache die Sache nicht leichter. Für die chemische Industrie, die auf Flächen und Umsatz fokussiert ist, seien derartige Ausmaße ohne Bedeutung. Dennoch verwies Friedrich darauf, dass die zugelassenen Pflanzenschutzmittel nach eingehender Prüfung durch die Behörden sicher sind. Wenn wir die Produktion von Tiefkühlgemüse in Österreich nicht in Frage stellen wollen, müssen diese Mittel auf Basis objektiver, sicherer und faktenbezogener Zulassungen auch in Zukunft zur Verfügung stehen", verdeutlichte er.

Pflanzenschutzmittel am besten untersucht
"Pflanzenschutzmittel gehören zu den bestuntersuchten Chemikalien überhaupt", unterstrich Albert Bergmann, interimistischer Leiter des Instituts für Pflanzenschutzmittel an der Österreichischen Agentur für Gesundheit- und Ernährungssicherheit. "Sehr strenge Bewertungs- und Zulassungsverfahren in Österreich und Europa sind der Garant dafür, dass nur geprüfte Pflanzenschutzmittel auf den Markt kommen, die - dem Stand des Wissens und der Technik entsprechend - keine schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen und Tieren beziehungsweise keine unakzeptablen Umweltauswirkungen haben", erklärte der Fachmann. Wie sich der Pflanzenschutzmittelmarkt in Zukunft entwickle, sei schwer absehbar. Bergmann begründete seine Aussage am Beispiel der viel diskutierten endokrinen Disruptoren (Umwelthormone), bei denen sich hochkarätige Experten bis heute auf keine Definition einigen konnten. Im April 2014 waren in Österreich 980 Pflanzenschutzmittel (inklusive Parallelhandel und Vertriebserweiterungen) zugelassen. Außerdem seien 2014 in Österreich 30 Notfallzulassungen erteilt worden, die bei überraschend auftretenden Schadsituationen und fehlenden Präparaten erlassen werden können. "Gut ein Drittel davon sind für den biologischen Anbau genehmigt worden. Ich wüsste nicht, wie die Bio-Landwirte die Kulturen ohne diese Notfallzulassungen bis zur Ernte bringen", sagte Bergmann.

Beratung für sachgemäßen Pflanzenschutz
Hubert Köppel, Pflanzenschutzreferent der Landwirtschaftskammer Oberösterreich, betonte, dass die Landwirte bereits bei der Sortenwahl und durch eine ausgewogene Düngung eine Entscheidung in Richtung "Integrierten Pflanzenschutz" treffen. Kommt es dennoch zu einem hohen Krankheits- beziehungsweise Unkrautdruck, unterstützt die Kammer für eine optimale Anwendung unter anderem mit einem Prognosesystem. "Eine Behandlung wird nur empfohlen, wenn gewisse Schadschwellen überschritten werden. So gelangt das effektivste Mittel zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Stelle", erklärte Köppel. Durch den Einsatz von Fungiziden konnten etwa in oberösterreichischen Feldversuchen zwischen 20% und 30% Ertragsverluste vermieden werden. Außerdem machte Köppel auf die brisante Situation bei Spezialkulturen aufmerksam, für die - häufig aus Kostengründen der Industrie - nicht ausreichend Präparate zur Verfügung stünden. "Die Verantwortung für eine sachgemäße und umweltschonende Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln liegt aber in den Händen der Landwirte. Die Beratung unterstützt sie dabei - im Sinne eines 'Integrierten Pflanzenschutzes' - mit den zur Verfügung stehenden Mitteln, eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion sicherzustellen", so der Experte.

Es informierten

  • Herman Schultes, Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich
  • Dr. Lars Niemann, Abt. Chemikaliensicherheit, BfR
  • Thomas Preuße, Chefredakteur DLG-Mitteilungen
  • Andreas Bergmann, AGES
  • DI Norbert Friedrich, Geschäftsführer der ETG e. Gen. Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse Marchfeld
  • DI Hubert Köppl, LK OÖ

Datum: Mittwoch, 11. Juni 2014
Ort: Marxpalast, Wien

Kooperation

 

Zitate

"Um dem Konsumenten auch in Zukunft TK-Gemüse aus österreichischer Produktion anbieten zu können, benötigt der Spezialgemüsebau Pflanzenschutzmittel-Zulassungen auf objektiver, sicherer und faktenbezogener Grundlage."

DI Norbert Friedrich

"Gezielter Pflanzenschutz hilft die Nahrungs- und Futtermittelversorgung nachhaltig sicherzustellen und dabei die Umwelt zu schonen."

DI Hubert Köppl

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